Reha nach der Vollkatastrophe


Bad Urach / SWP

Der Appell der Deutschen Rentenkasse Baden-Württemberg (DRV) Mitte Februar klang fast schon flehend. Kunden möchten doch bitte notwendige medizinische Reha-Behandlungen nicht nur weiterhin beantragen, sondern sie auch antreten. Hintergrund ist die Beobachtung, das viele Patienten den Reha-Start immer weiter hinausschöben, aus Angst, sich während ihres Reha-Aufenthalts mit Covid-19 anzustecken. „Wir verzeichnen derzeit einen spürbaren Rückgang bei den Antragszahlen“, sagte Saskia Wollny, als Direktorin zuständig für den Bereich Reha-Management bei der DRV.

Überschlägig geht sie von rund 30 Prozent weniger Eingängen aus. Gleichzeitig will sie Ängste abbauen: „Es werden bei uns keine qualitativen Einschränkungen gemacht, wenn es um die Gesundheit von Menschen geht“, betont sie und verweist auf ausgefeilte Hygienekonzepte in den jeweiligen Häusern. Sie hält zudem fest, das eine Verzögerung oder gar ein Verzicht auf notwendige Behandlungen gravierende Folgen haben kann.

Das Ausbleiben der Reha-Patienten führt auch dazu, dass zahlreiche Einrichtungen in finanzielle Bedrängnis geraten – trotz Rettungsschirm, und auch weil die von den Krankenkassen zu zahlenden Corona-Zuschläge für pandemiebedingte Mehrausgaben seit November wegen eines Streits auf Eis liegen. Von einem massiven Ausgaberückgang für Vorsorge- und Rehamaßnahmen berichtet derweil das Bundes-Gesundheitsministerium. 2020 gaben die Krankenkassen rund 580 Millionen Euro, also 15 Prozent, weniger aus als noch 2019.

Auch die Fachkliniken Hohenurach beherbergen mit rund 430 Patienten derzeit rund 20 Prozent weniger Rehabilitanden als noch vor der Pandemie. Gleichwohl bilde der jetzige Stand für Geschäftsführer Uli Wüstner die „absoluten Volllast“ dar. Noch mehr Menschen zu behandeln, sei angesichts der aufwendigen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen nicht möglich. Dass sich die Belegung in der Bad Uracher Rehaklinik vergleichsweise stabil auf gutem Niveau befinde, dafür macht er die Strategie verantwortlich, die schon lange

vor der Pandemie umgesetzt worden sei. Man hat sich stark auf frisch Operierte konzentriert, deren Eingriffe durch Krankenhäuser akut initiiert worden sind. Wüstner spricht in diesem Zusammenhang von einer unvermeidlichen Belegungsstruktur. Der coronabedingt oft praktizierte Aufschub planbarer Eingriffe hat das Bad Uracher Haus deshalb lange nicht so stark betroffen.

Arbeitsplätze sind gesichert

Und das hat Auswirkungen im positiven Sinne: „Wie stehen so gut wie auf eigenen Füßen“, sagt Wüstner. Die Kliniken seien nur noch auf minimale Unterstützungen angewiesen, zudem herrsche keine Kurzarbeit, die Arbeitsplätze seien sicher – auch wenn die eine oder andere Stelle nach einem altersbedingten Abschied nicht nachbesetzt werde. Dabei haben die Fachkliniken Hohenurach ein durchaus verzwicktes Jahr 2020 hinter sich gebracht. Vor gut einem Jahr, am 13. März, passierte sie, die, wie Wüstner sie heute nennt, „Vollkatastrophe“: Nachdem sich ein Arzt und ein Patient mit dem Corona-Virus infiziert hatten, wurden die Kliniken, bis auf wenige Ausnahmen, geräumt. Auf einen Schlag verlor sie rund 500 Patienten.

Die im April 2020 mit viel Aufwand eigens eingerichtete Corona-Station, zur Entlastung der Kreiskliniken Reutlingen, wurde nur wenig genutzt. Man sei damals dahingedümpelt, erinnert sich Wüstner, bis zum Juni 2020 die Zahl der Reha-Patienten sukzessive wieder auf 200 gestiegen war.

Unterdessen wurden klinikintern neue Strukturen mit regelmäßigen Tests der Mitarbeiter und Neuzugängen umgesetzt. Auch in räumlicher Hinsicht galt es, neue Wege zu gehen. So wird nach wie vor in zwei Schichten gegessen, um die Abstandsregeln im Speisesaal einhalten zu können. Maßnahmen auch im Außenbereich. Um Leute von unangemeldeten Besuchen abzuhalten, versperren jetzt Bauzäune den rückseitigen Zugang in die Kliniken.

Allesamt Maßnahmen, die die Zeit der Mitarbeiter und damit verbunden freilich auch Geld kosten. Und das bei einer begrenzten Aufnahmekapazität. „Das ist die Luft, die uns momentan fehlt“, beschreibt Wüstner die finanzielle Situation. Zwar sei das Fortbestehen zu Null Prozent gefährdet,  aber dennoch gelte es, sich extrem zu strecken. Heißt: Hier und da muss der Rotstift angesetzt werden, und die eine oder andere Investition, die eigentlich für dieses Jahr geplant war, noch warten ohne einer Verlotterung den Weg zu bereiten.

Die momentane Lage sei zwar einigermaßen stabil, so Wüstner, „aber auf ewig darf es so nicht weiter gehen“. Ein Satz, den wohl nicht nur potenzielle Rehabilitanten blindlings unterschreiben würden.

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